Manchmal beschreiben Eltern es so: «“Ich kann nichts. Alle sind besser als ich. Ich bin ein Versager.” Wir hören das vom Jugendlichen immer wieder. Wir versuchen zu helfen: “Das stimmt nicht, du bist klug!” — aber das funktioniert nicht. Im Gegenteil, es scheint nur schlimmer zu werden.»
In der Zwischenzeit zu Hause:
- der Jugendliche wertet sich ständig ab, glaubt nicht an seine Kräfte;
- Sie sehen, dass es Schule, Freundschaft, Beziehungen beeinflusst, wissen aber nicht, wie Sie helfen können;
- Versuche zu unterstützen («Du bist toll!», «Du bist klug!») funktionieren nicht oder wirken unaufrichtig;
- Sie möchten Selbstwertgefühl des Jugendlichen stärken, wissen aber nicht wie.
Und die Frage entsteht: Wie stärkt man Selbstwertgefühl von Jugendlichen, damit es wirklich hilft und nicht noch mehr Druck erzeugt?
Ich bin Beraterin für Jugendentwicklung in Nürnberg. In diesem Artikel erkläre ich:
- was Selbstwertgefühl ist und warum es wichtig ist;
- warum Selbstwertgefühl im Jugendalter sinkt;
- 5 Stützen für Selbstwertgefühl — praktische Schritte;
- wann professionelle Hilfe nötig ist.
Wenn Sie beim Lesen merken, dass Sie Ihre spezifische Situation besprechen möchten, können Sie über den Bereich «Für Eltern» oder «Für Jugendliche» ein Kennenlerngespräch vereinbaren.
1. Warum Selbstwertgefühl wichtig ist: wissenschaftliche Erklärung
Was Selbstwertgefühl ist
Selbstwertgefühl ist nicht einfach «sich gut fühlen». Es ist komplexe Überzeugung über eigenen Wert, die aus drei Komponenten besteht:
- Kompetenz — «Ich kann» (ich bin fähig, Aufgaben zu lösen, Ziele zu erreichen);
- Zugehörigkeit — «Ich gehöre dazu» (ich bin Teil einer Gruppe, man nimmt mich an);
- Selbstakzeptanz — «Ich bin wertvoll» (ich bin wertvoll an sich, nicht für Leistungen).
Studien zeigen, dass gesundes Selbstwertgefühl nicht «von außen gegeben» werden kann — es kann nur unterstützt werden, indem Bedingungen geschaffen werden, in denen Jugendlicher selbst von seinem Wert überzeugt wird.
Was das in der Praxis bedeutet:
- Lob «Du bist toll!» funktioniert nicht, wenn Jugendlicher keine Beweise seiner Kompetenz sieht;
- Selbstwertgefühl baut auf kleinen täglichen Erfolgen auf, nicht auf seltenen «großen Siegen»;
- Rolle der Eltern — Bedingungen schaffen, nicht Selbstwertgefühl «reparieren».
Warum Selbstwertgefühl im Jugendalter sinkt
Jugendalter ist Periode intensiver Veränderungen:
- Physische Veränderungen — Körper ändert sich, Vergleiche mit anderen verstärken sich;
- Soziale Veränderungen — Beziehungen zu Freunden werden wichtiger als Familie;
- Kognitive Veränderungen — Fähigkeit zur Selbstreflexion entwickelt sich, ist aber noch instabil;
- Hormonelle Veränderungen — Emotionen sind stärker, Kontrolle schwächer.
Studien zeigen, dass Selbstwertgefühl natürlich in frühem Jugendalter (12–14 Jahre) sinkt und sich bis 16–17 Jahren wiederherstellt. Aber wenn Abfall kritisch und langfristig ist — braucht es Unterstützung.
Folgen niedrigen Selbstwertgefühls
Niedriges Selbstwertgefühl beeinflusst alle Lebensbereiche:
- Schule — Vermeidung schwieriger Aufgaben, Angst vor Fehlern, Perfektionismus;
- Freundschaft — Isolation oder Abhängigkeit von Anerkennung;
- Beziehungen — toxische Beziehungen, Unfähigkeit, «Nein» zu sagen;
- Zukunft — begrenzte Ambitionen, Angst vor Risiko.
Das ist nicht einfach «schlechte Laune» — das sind echte Folgen, die gesamtes Leben beeinflussen können.
2. 5 Stützen für Selbstwertgefühl: praktische Schritte
Stütze 1: Kompetenz sichtbar machen
Jugendlicher muss Beweise seiner Kompetenz sehen. Nicht einfach hören «Du bist toll», sondern konkrete Handlungen sehen:
- Konkrete Handlungen festhalten: «Du hast selbst mit Lehrer über Nachprüfung gesprochen — das ist Mut und Verantwortung»;
- Tafel kleiner Siege: Notieren Sie Erfolge (nicht nur «5 in Mathematik», sondern auch «Freund geholfen», «Hausaufgaben ohne Erinnerung gemacht»);
- Fokus auf Prozess: «Du hast dich auf Prüfung vorbereitet, das ist wichtig» statt «Du hättest 5 bekommen müssen».
Beispiele konkreter Formulierungen:
- «Du hast selbst Lösung für diese Aufgabe gefunden — das zeigt deine Fähigkeit zu denken»;
- «Du hast Schwester bei Hausaufgaben geholfen — das ist Fürsorge und Verantwortung»;
- «Du hast Neues versucht, auch wenn es nicht geklappt hat — das ist Mut».
Stütze 2: Zugehörigkeit
Jugendlicher muss fühlen, dass er dazugehört — zu Familie, zu Gruppe von Freunden, zu Gemeinschaft:
- Rituale ohne Bildschirme: Gemeinsame Abendessen, Spaziergänge, Spiele — Zeit, wo Sie zusammen sind, ohne Ablenkungen;
- Gemeinsame Aktivitäten: Kochen, Aufräumen, Projekte — nicht als «Pflicht», sondern als «wir machen zusammen»;
- Vereine/Sport 1–2 Mal pro Woche: Ort, wo Jugendlicher Teil einer Gruppe ist, wo man ihn akzeptiert.
Studien zeigen, dass Gefühl der Zugehörigkeit kritisch wichtig für Selbstwertgefühl ist. Jugendlicher muss wissen: «Ich bin nicht allein, ich bin Teil von etwas Größerem.»
Stütze 3: Sprache der Gefühle
Jugendlicher muss Gefühle benennen und managen können:
- «Wütend sein ist ok, Frage — was mache ich damit» — Erkennen Sie Gefühl, aber zeigen Sie, dass man damit arbeiten kann;
- Lehren, Pause/Unterstützung zu bitten: «Wenn du Zeit brauchst — sag es, ich gebe dir Raum»;
- Gefühle nicht abwerten: «Mach dir keine Sorgen» funktioniert nicht. Besser: «Ich sehe, dass es dir schwerfällt. Was hilft?».
Beispiele für Dialog:
- «Du bist wütend — das ist normal. Was brauchst du jetzt: allein sein oder sprechen?»;
- «Du bist verärgert wegen Note — ich verstehe. Was können wir tun?».
Stütze 4: Selbstständigkeit
Jugendlicher muss Kontrolle über sein Leben fühlen:
- Wahl aus Optionen: «Geschirr oder Müll?» statt «Spül Geschirr»;
- Taschengeld: Kleine Summe, die Jugendlicher selbst entscheidet, wie er ausgibt;
- Mini-Projekte: Etwas, das Jugendlicher selbst macht (z. B. Party organisieren, Geschenk für Freund wählen).
Selbstständigkeit gibt Gefühl von Kontrolle und Kompetenz, was kritisch wichtig für Selbstwertgefühl ist.
Stütze 5: Innerer Dialog
Jugendlicher muss lernen, negativen inneren Dialog zu fangen und durch realistische zu ersetzen:
- Abwertung fangen: «Ich kann nichts» → «Ich lerne, übe, das ist Prozess»;
- Kurze Präsentationen vorbereiten: Fähigkeit, sich zu präsentieren (z. B. bei Schulprojekt) stärkt Selbstvertrauen;
- Neues versuchen: Kleine Risiken (z. B. sich für neuen Verein anmelden) geben Erfolgserfahrung.
Innerer Dialog ist Basis von Selbstwertgefühl. Wenn Jugendlicher sich ständig sagt «Ich bin Versager», wird das Realität.
3. Rolle der Eltern: wie man ohne Druck unterstützt
✅ Unterstützung von Selbstwertgefühl:
- Nicht vergleichen mit Geschwistern/Klassenkameraden;
- Kritisieren Handlung, nicht Persönlichkeit: «Hausaufgaben nicht abgegeben» statt «Du bist faul»;
- Fehler — Material für Diskussion: «Was ist schiefgelaufen? Was kann man anders machen?»;
- Fokus auf Anstrengungen: «Du hast dich bemüht, das ist wichtig» statt «Du hättest 5 bekommen müssen».
❌ Fehler, die Selbstwertgefühl senken:
- Vergleiche: «Und die Maria bekommt immer 5»;
- Kritik an Persönlichkeit: «Du bist faul, unorganisiert»;
- Gefühle abwerten: «Mach dir keine Sorgen, das ist Quatsch»;
- Bedingte Liebe: «Ich werde stolz sein, nur wenn du 5 bekommst»;
- Perfektionismus: «Du musst perfekt sein».
4. Wann professionelle Hilfe nötig ist
Wenden Sie sich an einen Fachmann, wenn:
- langfristige Apathie (wochenlang);
- Selbstverletzung (Schnitte, Verbrennungen);
- Isolation von Freunden und Familie;
- zwanghafter negativer Self-Talk («Ich bin Versager», «Ich bin nichts wert»);
- Weigerung von allem Neuen aus Angst vor Fehlern;
- Perfektionismus, der Handlungen blockiert.
Das ist keine Schwäche — das ist Fürsorge. Niedriges Selbstwertgefühl kann zu Depression, Angst, toxischen Beziehungen führen. Professionelle Hilfe gibt Werkzeuge zur Wiederherstellung von Selbstvertrauen. Beratung für Jugendliche in Nürnberg oder für Eltern kann helfen, Ursache zu finden und Strategie zu ändern.
5. Signale niedrigen Selbstwertgefühls: wann Alarm schlagen
Verhaltensanzeichen
- Ständige Selbstabwertung — «Ich bin dumm», «Ich bin Versager», «Alle sind besser als ich»;
- Vermeidung von Neuem — Weigerung, Neues zu versuchen aus Angst vor Fehlern;
- Angst vor Fehlern — Perfektionismus, der Handlungen blockiert;
- Blockierender Perfektionismus — «Wenn nicht perfekt, besser nicht machen»;
- Suche nach Anerkennung um jeden Preis — offline und online (ständige Selfies, Likes).
Wenn Sie diese Anzeichen regelmäßig sehen (nicht einmalig, sondern ständig), könnte es niedriges Selbstwertgefühl sein.
Emotionale Anzeichen
- Apathie — Verlust von Interesse an dem, was früher Spaß gemacht hat;
- Reizbarkeit — besonders auf Kritik oder Vergleiche;
- Tränen — häufige Tränen wegen «Kleinigkeiten»;
- Isolation — Rückzug, Verweigerung von Kommunikation.
Diese Anzeichen können Teil normaler jugendlicher Entwicklung sein, aber wenn sie wochenlang andauern und Leben beeinträchtigen — braucht es Unterstützung.
6. Häufig gestellte Fragen zu Selbstwertgefühl
Wie unterscheidet man normale Unsicherheit von niedrigem Selbstwertgefühl?
Normale Unsicherheit — das ist temporäres Zweifeln («Vielleicht schaffe ich es nicht?»), das Handlungen nicht blockiert. Niedriges Selbstwertgefühl — das ist ständige Überzeugung («Ich schaffe es nicht, weil ich Versager bin»), das Versuche blockiert. Wenn Unsicherheit Leben beeinträchtigt — ist es niedriges Selbstwertgefühl.
Kann man Selbstwertgefühl mit Lob «reparieren»?
Nein. Lob funktioniert nur, wenn Jugendlicher Beweise seiner Kompetenz sieht. Leeres Lob («Du bist toll!») ohne konkrete Handlungen kann sogar schaden — Jugendlicher fühlt Unaufrichtigkeit. Wichtiger ist, konkrete Handlungen und Anstrengungen festzuhalten.
Was tun, wenn Jugendlicher sich ständig mit anderen vergleicht?
Vergleiche sind normal im Jugendalter. Aber wenn sie zwanghaft und zerstörerisch werden, muss man:
- Nicht selbst vergleichen (nicht sagen «Und die Maria…»);
- Erklären, dass alle verschiedene Stärken haben;
- Fokus auf eigenen Fortschritt, nicht auf Vergleich mit anderen.
Wie lange braucht es, um Selbstwertgefühl zu stärken?
Das ist langer Prozess. Erste Verbesserungen können nach 2–3 Monaten regelmäßiger Arbeit sein. Für tiefe Wiederherstellung kann es ein Jahr und mehr brauchen. Wichtig ist, früher zu beginnen und geduldig zu sein.
7. Wenn Hilfe nicht «irgendwann», sondern jetzt nötig ist: wichtige Kontakte in Deutschland
Wenn Sie ein Lebensrisiko sehen oder das Gefühl haben, dass die Situation außer Kontrolle gerät, warten Sie nicht auf einen freien Termin — weder bei einem Berater, noch bei einem Coach, noch bei einem Therapeuten.
Bei akuter Lebensgefahr (Suizidgedanken, Selbstverletzung):
- 112 — Notruf (rund um die Uhr);
- 110 — Polizei (wenn direkte Gefahr für die Sicherheit besteht).
Krisenpsychologische Hilfe:
- Telefonseelsorge:
0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (rund um die Uhr, kostenlos, anonym); - Nummer gegen Kummer (für Kinder und Jugendliche):
116 111 (Mo–Sa 14:00–20:00, kostenlos); - Nummer gegen Kummer (für Eltern):
0800 111 0 550 (Mo–Fr 9:00–11:00, Di und Do 17:00–19:00, kostenlos).
Offizielle Hilfeportale für Familien:
- Familienportal des BMFSFJ — offizielles Portal des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) — Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Krisenhilfe:
- Nummer gegen Kummer — offizielle Informationen zu Beratungstelefonen für Kinder, Jugendliche und Eltern
- Telefonseelsorge — Telefonseelsorge (rund um die Uhr)
Wichtig: Dieser Text ist keine Diagnose und kein Ersatz für eine persönliche Beratung oder medizinische Hilfe.
Wenn Sie bei einem Jugendlichen ernsthafte Veränderungen im Verhalten oder emotionalen Zustand bemerken, ist es besser, dies mit einem Fachmann zu besprechen, als zu hoffen, dass es «von selbst vorbeigeht».
Autorin: Irina Kimnatna, Beraterin für Jugendentwicklung in Nürnberg.